Karbatscher
Karbatscher
Seit man weiß, beginnt in Immenstaad die Fasnetszeit mit dem „Schnellen“. Am Dreikönigstag eröffnen die Karbatscher nach dem Zwölfeläuten rund um das Schwörerhaus traditionell die heiße Phase der Immenstaader Fasnet. Von diesem Tag an ist während der gesamten Fasnetszeit immer wieder das weithin hörbare Knallen der Karbatschen im Ort zu vernehmen.
Der höchste Tag der Karbatscher ist jedoch der Schmotzige Dunschtig. Nach dem letzten Glockenschlag um fünf Uhr morgens beginnen die Karbatscher am Schwörerhaus mit dem Schnellen. Anschließend ziehen sie durch das Dorf, wecken mit ihren kräftigen Schlägen die Immenstaader Bevölkerung und kündigen die bevorstehende Prinzenhochzeit an.
Als Belohnung werden die Karbatscher traditionell – ebenso wie am Dreikönigstag – in verschiedenen, meist alteingesessenen Immenstaader Häusern mit Speis und Trank versorgt. Bei gemeinsam gesungenen Fasnetsliedern geht es dabei meist recht fröhlich zu.
Die Karbatsche ist eine kurzstielige Peitsche. Ihr Hauptteil besteht aus mehreren kräftigen Schnüren, die auf einer Länge von drei bis fünf Metern zopfartig miteinander verflochten sind. Zur Spitze hin wird die Karbatsche immer dünner und läuft schließlich in ein schmales Band, den sogenannten „Bändel“, aus. Die Herstellung einer Karbatsche erfordert viel Erfahrung und handwerkliches Können und wird heute nur noch von wenigen Seilern beherrscht.
Um die Karbatsche in Bewegung zu bringen, nimmt der Schneller mit gespreizten Beinen einen festen Stand ein. Mit erhobenem Arm versetzt er die lange Peitschenschnur in eine kreisende Bewegung und zieht sie anschließend mit einem kräftigen Ruck abwechselnd nach rechts und links. Bei jeder Wende entsteht der charakteristische laute Knall. Durch das Verlagern des Körpergewichts und das Mitgehen in den Knien kann die Wucht der Schläge zusätzlich gesteigert werden.
Das Karbatschenschnellen verlangt Kraft, Geschicklichkeit und nicht zuletzt auch Mut. Gerade Anfänger bekommen den einen oder anderen „Pfitzer“ an Armen oder sogar im Gesicht zu spüren. Doch Übung macht auch hier den Meister. Wer seine Karbatsche sicher beherrscht und besonders kräftig zum Knallen bringt, darf darauf mit Recht stolz sein.
Besonders eindrucksvoll wird es, wenn mehrere Schneller nebeneinander antreten und ihre Karbatschen im gemeinsamen Takt knallen lassen. Zwischen hohen Hauswänden und in den schmalen Gassen des alten Ortskerns hallen die Schläge besonders kräftig wider und sorgen für eine unverwechselbare Immenstaader Fasnetsatmosphäre.
Anfang der 1980er-Jahre war es um die Disziplin beim Karbatschenschnellen in Immenstaad allerdings nicht immer zum Besten bestellt. Um diesem wenig närrischen Treiben Einhalt zu gebieten und die alte Tradition wieder in geordnete Bahnen zu lenken, gründeten im Jahr 1984 zehn ältere Immenstaader Karbatscher unter der Führung von Bernd Thoma die „Altkarbatscher“. Einheitlich gekleidet und mit diszipliniertem Auftreten wollten sie bei den verschiedenen Anlässen der Hennenschlitterfasnet ein Vorbild für die jüngeren Karbatscher sein.
Diese Vorbildfunktion zeigte Wirkung und prägt das Karbatschenschnellen in Immenstaad bis heute. Sven und Sancho führen die von den Altkarbatschern begonnene Arbeit heute fort. Sie kümmern sich um die Organisation der Gruppe und tragen dazu bei, das gemeinsame und disziplinierte Auftreten der Karbatscher weiterzuentwickeln und die Tradition in die Zukunft zu führen.
Auch die Nachwuchsarbeit hat dabei einen hohen Stellenwert. Über viele Jahre prägte Wolfgang Haas, genannt „Hoss“, als Narrenvater die Jungkarbatscher und die Weitergabe dieser Tradition an die nächste Generation. Inzwischen hat Marco das Amt des Narrenvaters übernommen und führt diese Aufgabe fort.
Heute haben sich weit über 100 Schneller zusammengefunden, die während der Fasnetstage dafür sorgen, dass das Karbatschenschnellen in Immenstaad lebendig bleibt. Zu erkennen sind sie an ihrer traditionellen blauen Fuhrmannskutte mit dem Hennenschlitterwappen und dem roten, weiß gepunkteten Halstuch.
Ein besonderer Moment findet jedes Jahr am Dreikönigstag statt: Die neuen Karbatscher werden feierlich in die Gemeinschaft aufgenommen und erhalten ihre Kutte. Den Abschluss bildet am Fasnetsdienstag das traditionelle Preiskarbatschen, bei dem die Schneller noch einmal ihr Können unter Beweis stellen.
So ist das Karbatschenschnellen weit mehr als nur das weithin hörbare Knallen einer Peitsche. Es ist ein Stück Immenstaader Geschichte, gelebtes Brauchtum und eine Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird – und aus der Immenstaader Hennenschlitterfasnet kaum wegzudenken ist.
Betreuer
Sancho Dikreiter & Sven Bruckert